Reaktion auf „Moral. Die Erfindung von Gut und Böse.“ Prof. Dr. Hanno Sauer
Was ist vor wenigen Jahrhunderten passiert, dass moderne Gesellschaften entstanden sind? Warum ist es passiert? Und warum ist es gerade an diesen Orten passiert? Wie kamen die Ideen von Gleichheit, Freiheit und ökonomischer Unabhängigkeit in die Menschheitsgeschichte?
Sie kamen nicht überall zur gleichen Zeit auf, sondern vor etwa 500 Jahren in den Ländern, die wir heute als westlich bezeichnen. Die klassische Erklärung, warum diese gesellschaftsverändernden Ideen sich hier etabliert haben, kommt von Max Weber im Zusammenhang mit der protestantischen Arbeitsethik.
Weber sagte, dass «das Streben nach möglichst hohem Geldgewinn» erstmal gar nichts mit Kapitalismus zu tun hat. Dieses Streben fand man an allen Orten und in allen Gesellschaftsschichten. Es muss «Rentabilität» dazu kommen. Das heisst, man muss fähig sein, Geld zurückzuhalten, um es wieder investieren zu können. So erzeugt man erneuten und langfristigen Gewinn. Um Geld zu sparen, braucht es Selbstbeherrschung. Und diese findet man in der protestantischen Ethik.
Natürlich kommen noch weitere Faktoren dazu. Durch die Reformation begannen die Protestanten selber die Heilige Schrift zu erforschen. Lesen und Schreiben wurde gefördert. Es wurde debattiert über die Inhalte. Rationalität war gefragt. Die neuen Erkenntnisse führten zur protestantischen Arbeitsethik. Zum Beispiel entdeckte man den arbeitenden Gott. Gott arbeitete sechs Tage an der Schöpfung. Warum also sollten es nicht auch die Menschen so tun? Sie waren ja schliesslich im Ebenbild Gottes geschaffen worden. Bei den Calvinisten kam noch der Gedanke dazu, dass wirtschaftlicher Erfolg eine Art Hinweis sei, für die Zugehörigkeit zu den Auserwählten, die einmal eine schöne Ewigkeit mir Gott verbringen würden. Diese Arbeitsethik führte zu einem wirtschaftlichen Vorteil gegenüber anderen Regionen und Ländern.
Prof. Dr. Hanno Sauer meint, dass dieser klassische und erster Erklärungsversuch anhand der protestantischen Arbeitsethik heute kritisch angeschaut wird. Der Versuch gehe nicht weit oder tief genug. Insbesondere die Frage bleibe offen, woher denn diese ungewöhnliche Religion komme.
Es gibt noch einen zweiten, heute sehr populärer Erklärungsversuch. Insbesondere Menschen, die den Kapitalismus, die Globalisierung und die ausbeuterische, moderne Gesellschaft kritisieren möchten, bedienen sich gerne dieser These. Sie soll zeigen, dass bereits die Wurzel der modernen Gesellschaft verrottet war: diese westlichen Länder wurden reich durch die Ausbeutung anderer Länder. Auch wenn Kritik geübt werden kann und muss an der Kolonialisierung, bleibt eine Frage offen: Wie kamen diese Länder zu ihrem anfänglichen Vorteil? Warum konnten sie bessere Fortbewegungsmittel und Waffen erbauen, als die Länder, die sie ausbeuten konnten? Wie entstand ihre anfängliche Überlegenheit. Also kann man den ersten Erklärungsversuch vor den zweiten stellen und ist wieder am selben Punkt.
Saurer’s bevorzugter und dritter Erklärungsversuch kommt von Joseph Henrich: «Aus gar nicht so genau erklärten Gründen, sondern eher halb zufällig» (Zitat Hanno Saurer), begann die westliche Kirche in der damals dominanten Region ein fundamentales Prinzip sozialer Organisation aufzubrechen, nämlich Verwandtschaft. Sie tat das in erster Linie mit dem Verbot der Heirat von Cousins oder Cousinen. So wurde es schwieriger, die Leitung von Institutionen einfach weiter zu vererben. Allmählich führte dies zur Formation der modernen Institutionen. Ämter wurden nicht mehr einfach an einen nahen Verwandten vergeben, wie das heute noch in vielen Kulturen der Fall ist, sondern die passende Person wurde gesucht.
Gibt es aber vielleicht erklärbare Gründe für die Schwächung des Sippendenkens? Und warum war diese Region schon dominant? Ich frage mich, ob man nicht mehr Antworten finden würde, wenn man den Gedanken zulässt, dass die Quelle dieser grossen, gesellschaftlichen Veränderung das Leben und die Lehre von Jesus Christus ist.
Denn das Aufbrechen der verwandtschaftlichen Banden ist bereits bei Jesus zu sehen. Sein auserwähltes, weltveränderndes Team waren nicht Familienmitglieder, sondern Studenten, die er aus der Gesellschaft bewusst zusammensuchte. Er sah sich völlig vereint mit ihnen, wie eine Familie. Wie «gleiches» Blut in den Adern von Blutsverwandten fliesst, wollte er in den Jüngern gegenwärtig sein, so wie Gott in ihm war. (Johannes 17) Auch bezeichnete Jesus die Menschen, die nah um ihn herum waren, um ihm zuzuhören, als seine Brüder und Schwestern. (Markus 3,34). Jesus brach also bereits die Familienbande auf und formte sie zu einer neuen Körperschaft der Gläubigen zusammen. Und als mit Judas ein Jünger wegfiel, wählten die verbleibenden 11 Jünger demokratisch einen Ersatz (Apg 1, 15-26).
Es klingt aus meiner Sicht durchaus glaubwürdig, dass der klassische Erklärungsversuch von Max Weber noch immer stimmt und diese ungewöhnliche Religion (der Protestantismus) von dem Mann kam, der 1500 Jahre zuvor in Israel predigte, am Kreuz starb und von den Toden auferweckt wurde.








