Ein fiktives Interview mit Hartmut Rosa mit Zitaten aus seinem Buch „Demokratie braucht Religion“.
Herr Rosa, warum denken Sie, dass die heutige Gesellschaft noch die Kirche braucht?
Kirche hat eine … sehr wichtige Rolle in dieser Gesellschaft zu spielen. Ganz einfach, weil ich glaube, dass sie einer Gesellschaft etwas anzubieten hat. Zumal einer Gesellschaft, die sich im atemlosen, rasenden Stillstand befindet, der einen ziemlich hohen Preis hat, denn wir merken ja, diese Gesellschaft sucht verzweifelt nach einer alternativen Form der Weltbeziehung, des In-der-Welt-Seins. Und wo kann diese Gesellschaft nach anderen Formen des in-Beziehung-Tretens zum Leben, sogar zum Universum, zum Kosmos, zum Natur suchen? Wo finden wir dieses alternative Reservoir? S 26/27
Was meinen Sie mit “atemlosen, rasenden Stillstand”?
Dieser Ausdruck umfasst zwei Dinge, zum einen, dass die Gesellschaft rast – und zwar aus strukturellen Gründen, sie muss geradezu rasen -, zum anderen aber verharrt sie, oder ist sie erstarrt. Denn sie hat den Sinn für die Bewegung verloren. S. 22
Wenn eine Gesellschaft gezwungen ist, sich permanent zu steigern, zu beschleunigen, sich voranzutreiben, aber den Sinn der Vorwärtsbewegung verliert, dann ist sie in einer Krisensituation. S.22
In einer Krisensituation können wir nicht lernen, dann sind wir in Abwehrhaltung und Alarmbereitschaft.
Unser Verhältnis zur Welt ist aggressiv. Warum, weil die To-Do-Liste explortiert. Jedes Jahr müssen wir ein bisschen mehr schaffen. Im Kleinen wie im Großen stehen wie dadurch in einem Aggressionsverhältnis zur Welt. S. 42
Dieses Aggressionsverhältnis zur Welt, das aus dem permanenten Steigerungszwang kommt, der überhaupt kein Ende hat, weil es nie befriedet werden kann, übersetzt sich auch in die Politik und es übersetzt sich in die individuelle Lebensführung. S. 44
Wo sehen Sie dieses Aggressionsverhältnis in der Politik?
Das Beunruhigende im Blick auf Demokratien ist, dass die politische Kultur sich wandelt. Der politisch Andersdenkende wird nicht mehr einfach nur als Dialogpartner, mit dem man sich auseinandersetzen muss, gesehen, sondern als ekelerregender Feind, den man zum Schweigen bringen muss. S. 43
Früher habe ich immer gesagt, Demokratie funktioniert nur, wenn jede und jeder eine Stimme hat, die hörbar gemacht wird. In letzter Zeit komme ich aber mehr und mehr zur Überzeugung: es gehören auch Ohren dazu. Es reicht nicht, dass ich eine Stimme habe, die gehört wie, ich brauche auch Ohren, die die anderen Stimmen hören. Und ich würde noch darüber hinausgehen und sagen, mit den Ohren brauchen wir auch dieses hörende Herz, das die anderen hören und ihnen antworten will. S. 53
Das erinnert mich an die Worte von König Salomo “So gib denn deinem Knecht ein hörendes Herz” (1. Könige 3,9).
Genau das ist es, was wir als Gesellschaft und als Einzelne brauchen, um ein gelingendes Einzelleben und ein gelingendes Zusammenleben zu haben. Klar ist dabei auch, dass das Herz möglicherweise eben nicht hört. Und wenn das Herz nicht hört, dann liegt das nicht unbedingt nur am Einzelnen. Damit wir uns beispielsweise von (…) Musik in Resonanz versetzen lassen können, müssen die Bedingungen stimmen. (…) Wenn wir schlecht gelaunt sind, wenn wir als Hörende in einer aggressiven Haltung oder miesen Stimmung sind, dann kann die schönste Musik uns gerade nicht erreichen. S. 21
Dann sehen Sie hier ein gesellschaftliches Potenzial in der Kirche?
Ich will den Grundgedanken deutlich machen, dass es dieser Gesellschaft massiv am hörenden Herzen mangelt – in politischer Hinsicht und in allen möglichen anderen Hinsichten auch. Und deshalb brauchen wir Ideen, Praktiken und dergleichen mehr, die uns deutlich machen, was das eigentlich heissen könnte – ein hörendes Herz zu haben. Elemente einer Antwort können wir in religiösen Kontexten durchaus finden. S. 28
Religion hat die Kraft, sie hat ein Ideenreservoir und ein rituelles Arsenal voller entsprechender Lieder, entsprechender Gesten, entsprechender Räume, entsprechender Traditionen und entsprechende Praktiken, die einen Sinn dafür öffnen, was es heisst, sich anrufen zu lassen, sich transformieren zu lassen, in Resonanz zu stehen.
Wenn die Gesellschaft das verliert, wenn sie diese Form der Beziehungsmöglichkeit vergisst, dann ist sie endgültig erledigt. S. 74
Was meinen Sie mit dieser Beziehungsmöglichkeit?
Für mich ist die Grundidee dort, dass am Grund meiner Existenz nicht das schweigende Universum, ein kalter Mechanismus, der nackte Zufall oder gar ein feindliches Gegenüber liegen, sondern dass dort eine Antwortbeziehung steht.
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Wenn das kein Resonanzappell ist! Etwas hat mich angerufen und mich gemeint. Oder vergegenwärtigen Sie sich die Vorstellung: „Ich habe dir den Atem des Lebens eingehaucht!“
Es gibt unendlich viele solche Bilder in der Bibel, und ich interpretiere sie deshalb als ein einziges Dokument des Schreiens, Rufens und Flehens danach, gehört zu werden, Resonanz zu finden, Widerhall zu finden angesichts einer schweigenden Sternenwelt.
Und die Bibel, der Glaube, die Kirche geben diese eine Antwort, dieses eine Versprechen: da ist einer, der dich gemeint hat, der hat dich angerufen, der hört dich auch, auch wenn er nicht im Hier und Jetzt verfügbar ist. Resonanz an sich ist konstitutiv unverfügbar,… S.72
Ja, das klingt bei mir sehr an. Das kann die Kirche bieten. Gott, der immer da ist und gleichzeitig unverfügbar. Wir können ihn nicht nutzen, über ihn verfügen, aber wir können ihn anrufen und unser Herz öffnen, um von ihm zu hören.
Als Soziologe habe ich mich da gefragt: „Wenn einer betet, richtet der sich eigentlich nach aussen oder nach innen?” Und die erstaunliche Erkenntnis war: nach beidem zugleich! Da entsteht eben diese Achse aus dem Grund meiner Existenz. Dort am Grund seiner Existenz steht der Betende in einer Beziehung zum umgreifenden Anderen, wie Karl Jaspers es ausdrückt. Das Wesen meiner Existenz ist eine Resonanzbeziehung. S. 73
Vielen Dank für Ihre inspirierenden und herausfordernden Gedanken.



