Antwort von Pfarrer Tobias Fluri, Langenthal, auf das fiktive Interview mit Emil Brunner
Das fiktive Interview mit Emil Brunner legt den Finger in eine Wunde, die so alt wie die Kirche selbst ist: das Missverständnis, die institutionelle Form mit der geistlichen Wirklichkeit zu identifizieren. Brunners Diagnose ist scharf, eine pauschale Institutionsfeindschaft scheint sie aber nicht zu sein. Vielmehr fordert sie zu einer doppelten Unterscheidung heraus: theologisch zwischen Ekklesia und Kirche, kulturdiagnostisch zwischen lebendiger Tradition und blosser Situationsbewältigung.
Der folgende Text versucht, diese Spannungsfelder etwas zu ordnen.
A. Brunners Position: Die Ambivalenz der Sicherung
Brunner formuliert im Interview einen Mechanismus, der als „Gesetz der substitutionellen Sicherung“ bezeichnet werden kann: Gemeint ist eine Sicherung, die das zu Bewahrende nicht nur schützt, sondern es zugleich durch eine Ersatzform verdrängt.
«Der Glaube, der in der Liebe wirksam sich erweist, wird gesichert – und zugleich ersetzt – durch das Glaubens- und Moralgesetz.» (S. 60)
«Man hatte jetzt Lehre – ohne die Dynamis des geisterfüllten Gotteswortes.» (S. 62)
Diese Sätze beschreiben keinen Unfall, sondern eine anthropologische und ekklesiologische Versuchung. Weil der Mensch endlich, vergesslich und fehlbar ist, braucht er geprägte Formen. Der Geist muss und kann nicht formfrei bleiben. Das Kirchenlied etwa ist nicht nur Musikgeschichte; es bringt den Glauben leiblich zur Sprache – durch Atem, Stimme und Erinnerung. Wer singt, wird nicht bloss belehrt, sondern geformt. In diesem Sinn ist Institution eine notwendige Leitplanke für den sündigen Menschen.
Doch Brunner warnt vor dem Umschlag dieser Notwendigkeit in einen „faustischen Sicherungsausbau“: Gemeint ist der Drang des modernen Menschen, Unsicherheit und Unverfügbarkeit durch immer umfassendere Ordnungs-, Kontroll- und Sicherungssysteme zu überwinden. Aus Ämtlein wurden Ämter, aus Diensten – diakoniai, also geistgewirkten Diensten innerhalb des Leibes Christi – wurden Herrschaftspositionen. Brunner ist daher nicht institutionsfeindlich, aber radikal institutionskritisch im Namen der Ekklesia. Er sieht sehr stark die Seite der Verfestigung: Dogma ohne Dynamis, Amt ohne Dienst, Sakrament ohne Leib-Christi-Gemeinschaft.
Allerdings: Nicht jede Gerinnung ist Erstarrung. Nicht jede Form ist Verrat, nicht jede Ordnung Geistverlust. Wenn Form dem Wort Raum gibt, Gemeinschaft ermöglicht und Trost vermittelt, ist sie legitim. Problematisch wird sie erst, wo sie ersetzt. Die sichtbare Kirche neigt dazu, unausgesprochen zu behaupten: „Wir sind die Ekklesia. Unsere Ämter garantieren die Kirche.“ Genau diese Identifikation ist für Brunner das tödliche Missverständnis.
B. Das Königtum Israels: Christologische Korrektur der Institution
Die theologische Tiefenstruktur dieses Problems zeigt sich exemplarisch in der Entstehung des Königtums in Israel (1. Samuel 8). Samuels Warnung „Er wird nehmen“ ist eine der stärksten institutionenkritischen Passagen der Bibel. Der König, von dem man Schutz und Sichtbarkeit erwartet, wird selbst zum Zugriffssystem. Was als Sicherung beginnt, entwickelt eine Eigendynamik: Es nimmt, verwaltet, zentralisiert und absorbiert.
Dennoch verwirft Gott diese Institution nicht total. Er unterstellt sie seinem Wort. Es beginnt mit Saul als ambivalenter, scheiternder Gestalt, führt aber über David zur messianischen Linie. Aus der problematischen Institution wird ein Ort, an dem Gott seine Verheissung weiterführt. Gott heiligt die sündige Struktur nicht, aber er gebraucht sie.
Die endgültige Kritik und Erfüllung aller menschlichen Institution geschieht christologisch. Jesus ist die Mitte, aber als dienende, gekreuzigte Mitte. Damit wird das Königtum zugleich erfüllt und gerichtet. Der wahre König nimmt nicht die Söhne und Töchter für seinen Apparat, wie der König in 1. Samuel 8, sondern er gibt sich selbst für sie. Das ist die Umkehrung der institutionellen Logik: Jede kirchliche Struktur steht unter der Kritik des Kreuzes. Sie bleibt vorläufig, gebrochen und dienend. Wo sie sich absolut setzt, widerspricht sie ihrem Herrn.
C. Die Achse Situation und Tradition
Um Brunners Kritik für die Gegenwart fruchtbar zu machen, kann sie entlang der Achse Situation und Tradition differenziert werden.
Tradition als lebendiges Gedächtnis: Im positiven Sinn ist Tradition geronnene Erfahrung, die entlastet und Orientierung bietet. Sie bewahrt die Kirche davor, in jeder Generation bei null anfangen zu müssen. Sie ist Gefäss der Dynamis, also eine geschichtlich gewordene Form, in der die Kraft des Geistes weitergegeben werden kann.
Situation als Anspruch der Gegenwart: Die konkrete historische Lage fordert immer wieder neues Hören. Wenn Tradition nur noch als automatische Wiederholung vollzogen wird, ohne auf die aktuelle Situation und das gegenwärtige Wort zu antworten, erstarrt sie.
Brunner zeigt, dass die Krise der Kirche dort entsteht, wo Tradition nicht mehr als Antwort auf Situationen verstanden wird, sondern als immunisierte Selbstsicherung: als eine gegen Korrektur und neues Hören abgeschirmte Form. Umgekehrt gilt: Eine reine Situationsorientierung ohne traditionelle Rückbindung führt zur Beliebigkeit. Die Kunst besteht darin, Tradition so lebendig zu halten, dass sie in der jeweiligen Situation als Medium des Geistes fungiert, statt zur Blockade zu werden.
D. Systematische Synthese: Das Kriterium der Dienstbarkeit
Das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung von legitimer Form und illegitimer Ersatzreligion lautet somit: Dienstbarkeit versus Selbstermächtigung.
Form dient, wenn sie transparent bleibt für das Letzte: Christus, Geist und Wort. Form verselbständigt sich, wenn sie opak wird, also undurchsichtig für ihren Ursprung, und sich selbst als Letztes ausgibt. Diese Unterscheidung ist nie statisch getroffen; sie muss in jeder Generation, in jeder kirchlichen Entscheidung und in jedem kulturellen Vollzug neu vollzogen werden. Sie ist der Pulsschlag der Ecclesia reformata semper reformanda: der reformierten Kirche, die nicht fertig ist, sondern sich immer wieder vom Wort Gottes her erneuern lassen muss.
E. Die paradoxe Gegenwart: Technische Hyperstruktur und kulturelle Formauflösung
Überträgt man diese Analyse auf die westliche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, zeigt sich ein frappierendes Paradoxon, das Brunners Diagnose unerwartet aktualisiert. Wir beobachten zwei gegenläufige Bewegungen:
1. Technische Formverfestigung: Auf der einen Seite erleben wir eine beispiellose Verdichtung von Struktur, insbesondere durch Künstliche Intelligenz und Digitalisierung. Wirklichkeit wird modellierbar, berechenbar und operationalisierbar. Dies ist der „faustische Sicherungsausbau“ in neuer Gestalt: Ein technisches Logos-Surrogat, also ein technischer Ersatz für jenes ordnende und sinnstiftende Wort, das theologisch allein Christus zukommt, soll Kontingenz bannen. Mit Kontingenz ist jene Nicht-Notwendigkeit und Unverfügbarkeit gemeint, dass Wirklichkeit auch anders sein könnte, als wir sie planen, berechnen oder kontrollieren. Wo der Geist schwindet, tritt der Algorithmus als perfekte, weil geistlose, Leitplanke auf den Plan.
2. Kultureller Formverlust: Auf der anderen Seite schwinden soziale, moralische und biografische Traditionsbestände radikal. Das Motto lautet: Wahl vor Schicksal, Selbstentwurf vor Empfang. Fast situationsethisch soll jeder nach eigenem Gusto selig werden. Damit ist eine Haltung gemeint, in der jede Situation für sich allein entscheidet und kaum noch durch überlieferte Massstäbe, gemeinsame Formen oder verbindliche Lebensordnungen begrenzt wird. Überlieferte Formen verlieren ihre Bindungskraft; Identität wird zur permanenten Konstruktionsaufgabe.
Die Diagnose: Diese beiden Linien bedingen sich gegenseitig. Je weniger lebendige Tradition und geistliche Substanz den Menschen von innen her tragen, desto stärker müssen äussere, technische Systeme kompensatorisch einspringen. Je mehr kultureller Formverlust entsteht, desto mächtiger wird technische Formverfestigung. Wo die Dynamis fehlt, wird die Techne zum Ersatzgott: nicht einfach Technik im neutralen Sinn, sondern die Haltung, alles durch Verfahren, Systeme, Kompetenz und Steuerbarkeit verfügbar machen zu wollen. Man könnte hier auch von einem technischen Solutionismus sprechen.
Die Moderne produziert also ihre eigene Ersatztradition: technisch funktional, aber geistlich hohl. Für die Kirche bedeutet dies: Sie darf weder in nostalgischer Traditionalität erstarren noch sich dem technokratischen Optimierungswahn oder dem reinen Situationismus ergeben. Ihre Aufgabe ist es, inmitten dieses doppelten Extremismus jene „Freiheit in der Gebundenheit“ zu bezeugen, die weder Kollektiv noch isoliertes Individuum kennt, sondern Gemeinschaft im Geist. Nur so kann sie der Verwechslung von Struktur und Geist widerstehen und dem Werden der wahren Ekklesia dienen.



