Ein fiktives Interview mit Emil Brunner. Alle Zitate stammen aus einem Buch «Das Missverständnis der Kirche», Erstausgabe 1951.
Was ist Kirche, Herr Brunner?
«Alle Kirchen sind Rechtsgebilde, Institutionen im Rechtssinne.» … In dieser Rechtsnatur der Kirchen kommt ihr Charakter als Institutionen am massivsten zum Vorschein – und gerade dieser ist es, der sie von der Ekklesia des Neuen Testamentes unterscheidet und unüberbrückbar trennt.»
Wie war denn die Ekklesia des Neuen Testamentes organisiert?
«Es gab in der Ekklesia eine Ordnung der Funktionen, zugeteilt – so heisst es ausdrücklich – durch den Heiligen Geist an die einzelnen zu besonderen Diensten, ein Begriff, der fälschlich mit «Ämter» übersetzt wurde. Denn das Amt gibt es in einer staatlichen Organisation, ein Amt ist eine Institution. Die diakoniai aber, die «Dienste» gibt es so, wie es Organe mit verschiedenen Funktionen an einem Leibe gibt.» s. 57
«Die Gemeinde Jesu lebt vom Heiligen Geist; das ist ihr geheimnisvolles Wesen.» s. 53
Wie kam es dazu, dass diese organischen Dienste zu festen Ämtern wurden? War da nur falsche Übersetzung schuld oder ist die Fehlübersetzung Resultat eines anderen Prozesses?
Das Wort Gottes ist in der Ekklesia vorhanden und wirksam als das Wort des Heiligen Geistes, darum in einer Einheit von Logos und Dynamis, die jenseits alles Verstehens liegt. Diese Einheit ist das später nicht mehr vorhandene und nicht mehr verstandene Geheimnis der Urgemeinde. … Das Wort Gottes wird gesichert – und zugleich ersetzt – durch Theologie und Dogma; die Gemeinschaft wird gesichert – und zugleich ersetzt – durch die Institution; der Glaube, der in der Liebe wirksam sich erweist, wird gesichert – und zugleich ersetzt – durch das Glaubens- und Moralgesetz.» s. 60
«Man hatte jetzt Lehre – ohne die Dynamis des geisterfüllten Gotteswortes. Man hatte jetzt Glauben – «richtigen», orthodoxen Glauben – ohne die Liebe. Man hatte jetzt Gemeinde als Kirche mit Ämtern, aber nicht mehr die Verbundenheit in gegenseitigem Dienst.» s. 62
Das heisst, diese geisterfüllte Verbundenheit ging unterwegs verloren?
«Richtig ist: in dem Mass, als die Gemeinde aufhört pneumatische Einheit, koinonia im früheren Sinn zu sein, in dem Masse muss sie die pneumatische Feinstruktur durch eine organisatiorisch-rechtliche Grobstruktur ersetzen.» s. 104
«Vorher war der Heilige Geist das, was die Gemeinde zur Gemeinde machte; sie war eine pneumatische Einheit, als solche eben «der Leib» des Christus. Nunmehr aber war sie eine sakramentale Einheit geworden.» s. 87
Was meinen Sie mit einer sakramentalen Einheit?
Die Mahlfeier und die Taufe: «Diese beiden Handlungen, die die spätere Kirche Sakramente genannt hat, haben im neuen Testament mit einer kirchlichen Amtsordnung nichts zu tun. Kein Wort ist darüber gesagt, wer taufen oder wer nicht taufen dürfe, kein Wort über die Austeilung des Brotes und Weines beim Mahl. Und doch liegt hier, in diesen sogenannten Sakramenten, die Ansatzstelle für die spätere institutionelle Entwicklung, für die Kirchwerdung der Gemeinde Jesu Christi.» s. 75/76
Im Umgang mit den Sakramenten ist also die Entwicklung zu dem, was wir heute Kirche nennen zu suchen?
«Es ist nicht mehr die Agape, die schenkende Liebe Gottes, die als eigentliche Gabe des Heiligen Geistes die einzelnen miteinander verbindet, sondern es ist dieses Wunderding, das Sakrament, das man miteinander gemeinsam hat; man bekommt jetzt den Leib Christi, statt dass man selbst der Leib Christi ist.» s. 87
«Das Sakrament verlangte den Priester, das Bedürfnis nach Ordnung und Einheit verlangte die gesetzliche, kirchenrechtliche Autorität. Die beiden Ströme flossen zusammen in der Schaffung des Priester-Bischofs, der apostolische Lehrautorität und Ordnungsautorität für die Gemeinde besitzt.» s. 94
Daraus folgte konsequenterweise die milliardenschwere Institution der Römisch-katholischen Kirche mit dem Papst an der Spitze.
Ja, und zudem: «die bischöfliche Spendung des Sakraments macht die Gemeinde zu empfangenden Laien; die bischöfliche apostolische Autorität macht sie zu Gehorchenden und Regierten. Nur durch diese doppelte Abhängigkeit von der Priesterbischofkirche kann der einzelne das Heil erlangen. Aus der im Wort und Geist begründeten «mystischen» Bruderschaft, aus dem Leib Christi, dessen Haupt allein Christus ist, dessen Glieder darum gleichen Ranges sind – aus dem Volk von priesterlichen Brüdern ist eine Kirche geworden, die aus einzelnen Gemeinden besteht, die zusammen das Kirchenganze bilden und von denen jede von einem Bischof geistlich regiert wird, der als spendender Priester dem Laien gegenübersteht, weil er das Heilsgut, das Sakrament verwaltet, das heilige Ding, das diese einzelnen Menschen zusammenhält und zu einem Kollektiv macht.» s. 95
Hast sich die Kirche somit nicht meilenweit von ihrer Aufgabe entfernt?
«Ein Mittel, das Gottes Vorsehung so lange und so gewaltig gebraucht hat, darf keiner auflösenden Kritik zum Opfer fallen.» s. 135
«Es kann sich also niemals darum handeln, aus der Unterscheidung von Ekklesia und Kirche ein negatives Urteil oder gar eine feindliche Haltung gegen die Kirchen abzuleiten.» s.135
«Die Aufgabe der Kirchen kann also nicht die sein, Ekklesia zu werden – das kann sie nie und nimmer -, sondern nur die, dem Werden der Ekklesia zu dienen,… Dabei heisst Ekklesia das, was wir aus dem Neuen Testament als ihr eigentliches Wesen erkannten: Gottesgemeinschaft durch Jesus Christus und in ihr begründete Bruderschaft oder Menschengemeinschaft. Die Einheit von Christusgemeinschaft und Bruderschaft ist das Wesen der Ekklesia.» s. 123
Was schlagen Sie für einen Weg der Kirche in die Zukunft vor?
«Nicht eine Einheitsorganisation der Kirchen ist das, was wir am meisten nötig haben; im Gegenteil, eine solche kann letztlich nur das Grundübel, eben das Missverständnis der Kirche noch vergrössern, in dem sie, noch einmal, Kirche und Institution identifiziert. Was wir brauchen, ist der Heilige Geist, der dem Glauben an Jesus Christus verheissen ist und der, wo er kräftig wirksam ist, jene Freiheit in der Gebundenheit und jene Gebundenheit in der Freiheit schafft, jene Gemeinschaft, die ebenso fern ist von allem Kollektivismus, wie sie fern ist vom Individualismus.» s. 132/133
«Die Kirche hat während ihrer ganzen Geschichte dadurch, dass sie ihrem Wesen nach viel mehr ein Kollektiv als eine Gemeinschaft war, die Bildung wahrer Bruderschaft in Christus nicht nur vernachlässigt, sondern vielfach verhindert. … Mit oder ohne die Kirchen wird Gott die Ekklesia zum Brudervolk werden lassen. Ob die Kirchen sich dieser Erkenntnis öffnen oder verschiessen, davon wird es abhangen, ob sie eine Zukunft haben.» s.136/137



