{"id":1861,"date":"2026-07-12T17:23:36","date_gmt":"2026-07-12T15:23:36","guid":{"rendered":"https:\/\/davidmarmet.com\/?p=1861"},"modified":"2026-07-12T17:23:36","modified_gmt":"2026-07-12T15:23:36","slug":"der-verlorene-sinn-fuer-die-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/davidmarmet.com\/?p=1861","title":{"rendered":"Der verlorene Sinn f\u00fcr die Bewegung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein fiktives Interview mit Hartmut Rosa mit Zitaten aus seinem Buch &#8222;Demokratie braucht Religion&#8220;.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Herr Rosa, warum denken Sie, dass die heutige Gesellschaft noch die Kirche braucht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kirche hat eine &#8230; sehr wichtige Rolle in dieser Gesellschaft zu spielen. Ganz einfach, weil ich glaube, dass sie einer Gesellschaft etwas anzubieten hat. Zumal einer Gesellschaft, die sich im atemlosen, rasenden Stillstand befindet, der einen ziemlich hohen Preis hat, denn wir merken ja, diese Gesellschaft sucht verzweifelt nach einer alternativen Form der Weltbeziehung, des In-der-Welt-Seins. Und wo kann diese Gesellschaft nach anderen Formen des in-Beziehung-Tretens zum Leben, sogar zum Universum, zum Kosmos, zum Natur suchen? Wo finden wir dieses alternative Reservoir? S 26\/27<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was meinen Sie mit \u201catemlosen, rasenden Stillstand\u201d?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Ausdruck umfasst zwei Dinge, zum einen, dass die Gesellschaft rast &#8211; und zwar aus strukturellen Gr\u00fcnden, sie muss geradezu rasen -, zum anderen aber verharrt sie, oder ist sie erstarrt. Denn sie hat den Sinn f\u00fcr die Bewegung verloren. S. 22<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn eine Gesellschaft gezwungen ist, sich permanent zu steigern, zu beschleunigen, sich voranzutreiben, aber den Sinn der Vorw\u00e4rtsbewegung verliert, dann ist sie in einer Krisensituation. S.22<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In einer Krisensituation k\u00f6nnen wir nicht lernen, dann sind wir in Abwehrhaltung und Alarmbereitschaft.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Verh\u00e4ltnis zur Welt ist aggressiv. Warum, weil die To-Do-Liste explortiert. Jedes Jahr m\u00fcssen wir ein bisschen mehr schaffen. Im Kleinen wie im Gro\u00dfen stehen wie dadurch in einem Aggressionsverh\u00e4ltnis zur Welt. S. 42<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Aggressionsverh\u00e4ltnis zur Welt, das aus dem permanenten Steigerungszwang kommt, der \u00fcberhaupt kein Ende hat, weil es nie befriedet werden kann, \u00fcbersetzt sich auch in die Politik und es \u00fcbersetzt sich in die individuelle Lebensf\u00fchrung. S. 44<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wo sehen Sie dieses Aggressionsverh\u00e4ltnis in der Politik?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Beunruhigende im Blick auf Demokratien ist, dass die politische Kultur sich wandelt. Der politisch Andersdenkende wird nicht mehr einfach nur als Dialogpartner, mit dem man sich auseinandersetzen muss, gesehen, sondern als ekelerregender Feind, den man zum Schweigen bringen muss. S. 43<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fr\u00fcher habe ich immer gesagt, Demokratie funktioniert nur, wenn jede und jeder eine Stimme hat, die h\u00f6rbar gemacht wird. In letzter Zeit komme ich aber mehr und mehr zur \u00dcberzeugung: es geh\u00f6ren auch Ohren dazu. Es reicht nicht, dass ich eine Stimme habe, die geh\u00f6rt wie, ich brauche auch Ohren, die die anderen Stimmen h\u00f6ren. Und ich w\u00fcrde noch dar\u00fcber hinausgehen und sagen, mit den Ohren brauchen wir auch dieses h\u00f6rende Herz, das die anderen h\u00f6ren und ihnen antworten will. S. 53<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das erinnert mich an die Worte von K\u00f6nig Salomo \u201cSo gib denn deinem Knecht ein h\u00f6rendes Herz\u201d (1. K\u00f6nige 3,9).<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau das ist es, was wir als Gesellschaft und als Einzelne brauchen, um ein gelingendes Einzelleben und ein gelingendes Zusammenleben zu haben. Klar ist dabei auch, dass das Herz m\u00f6glicherweise eben nicht h\u00f6rt. Und wenn das Herz nicht h\u00f6rt, dann liegt das nicht unbedingt nur am Einzelnen. Damit wir uns beispielsweise von (&#8230;) Musik in Resonanz versetzen lassen k\u00f6nnen, m\u00fcssen die Bedingungen stimmen. (&#8230;) Wenn wir schlecht gelaunt sind, wenn wir als H\u00f6rende in einer aggressiven Haltung oder miesen Stimmung sind, dann kann die sch\u00f6nste Musik uns gerade nicht erreichen. S. 21<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dann sehen Sie hier ein gesellschaftliches Potenzial in der Kirche?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich will den Grundgedanken deutlich machen, dass es dieser Gesellschaft massiv am h\u00f6renden Herzen mangelt &#8211; in politischer Hinsicht und in allen m\u00f6glichen anderen Hinsichten auch. Und deshalb brauchen wir Ideen, Praktiken und dergleichen mehr, die uns deutlich machen, was das eigentlich heissen k\u00f6nnte &#8211; ein h\u00f6rendes Herz zu haben. Elemente einer Antwort k\u00f6nnen wir in religi\u00f6sen Kontexten durchaus finden. S. 28<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Religion hat die Kraft, sie hat ein Ideenreservoir und ein rituelles Arsenal voller entsprechender Lieder, entsprechender Gesten, entsprechender R\u00e4ume, entsprechender Traditionen und entsprechende Praktiken, die einen Sinn daf\u00fcr \u00f6ffnen, was es heisst, sich anrufen zu lassen, sich transformieren zu lassen,&nbsp; in Resonanz zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn die Gesellschaft das verliert, wenn sie diese Form der Beziehungsm\u00f6glichkeit vergisst, dann ist sie endg\u00fcltig erledigt. S. 74<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was meinen Sie mit dieser Beziehungsm\u00f6glichkeit?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich ist die Grundidee dort, dass am Grund meiner Existenz nicht das schweigende Universum, ein kalter Mechanismus, der nackte Zufall oder gar ein feindliches Gegen\u00fcber liegen, sondern dass dort eine Antwortbeziehung steht.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.&#8220; Wenn das kein Resonanzappell ist! Etwas hat mich angerufen und mich gemeint. Oder vergegenw\u00e4rtigen Sie sich die Vorstellung: &#8222;Ich habe dir den Atem des Lebens eingehaucht!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt unendlich viele solche Bilder in der Bibel, und ich interpretiere sie deshalb als ein einziges Dokument des Schreiens, Rufens und Flehens danach, geh\u00f6rt zu werden, Resonanz zu finden, Widerhall zu finden angesichts einer schweigenden Sternenwelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und die Bibel, der Glaube, die Kirche geben diese eine Antwort, dieses eine Versprechen: da ist einer, der dich gemeint hat, der hat dich angerufen, der h\u00f6rt dich auch, auch wenn er nicht im Hier und Jetzt verf\u00fcgbar ist. Resonanz an sich ist konstitutiv unverf\u00fcgbar,&#8230; S.72<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ja, das klingt bei mir sehr an. Das kann die Kirche bieten. Gott, der immer da ist und gleichzeitig unverf\u00fcgbar. Wir k\u00f6nnen ihn nicht nutzen, \u00fcber ihn verf\u00fcgen, aber wir k\u00f6nnen ihn anrufen und unser Herz \u00f6ffnen, um von ihm zu h\u00f6ren.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Soziologe habe ich mich da gefragt: &#8222;Wenn einer betet, richtet der sich eigentlich nach aussen oder nach innen?\u201d Und die erstaunliche Erkenntnis war: nach beidem zugleich! Da entsteht eben diese Achse aus dem Grund meiner Existenz. Dort am Grund seiner Existenz steht der Betende in einer Beziehung zum umgreifenden Anderen, wie Karl Jaspers es ausdr\u00fcckt. Das Wesen meiner Existenz ist eine Resonanzbeziehung. S. 73<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vielen Dank f\u00fcr Ihre inspirierenden und herausfordernden Gedanken.&nbsp;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein fiktives Interview mit Hartmut Rosa mit Zitaten aus seinem Buch &#8222;Demokratie braucht Religion&#8220;. 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