{"id":1837,"date":"2026-06-01T22:06:54","date_gmt":"2026-06-01T20:06:54","guid":{"rendered":"https:\/\/davidmarmet.com\/?p=1837"},"modified":"2026-06-01T22:06:54","modified_gmt":"2026-06-01T20:06:54","slug":"sehen-sie-eine-zukunft-fuer-die-kirche-herr-brunner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/davidmarmet.com\/?p=1837","title":{"rendered":"Sehen Sie eine Zukunft f\u00fcr die Kirche, Herr Brunner?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein fiktives Interview mit Emil Brunner. Alle Zitate stammen aus einem Buch \u00abDas Missverst\u00e4ndnis der Kirche\u00bb, Erstausgabe 1951.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was ist Kirche, Herr Brunner?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abAlle Kirchen sind Rechtsgebilde, Institutionen im Rechtssinne.\u00bb \u2026 In dieser Rechtsnatur der Kirchen kommt ihr Charakter als Institutionen am massivsten zum Vorschein \u2013 und gerade dieser ist es, der sie von der Ekklesia des Neuen Testamentes unterscheidet und un\u00fcberbr\u00fcckbar trennt.\u00bb <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie war denn die Ekklesia des Neuen Testamentes organisiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abEs gab in der Ekklesia eine Ordnung der Funktionen, zugeteilt \u2013 so heisst es ausdr\u00fccklich \u2013 durch den Heiligen Geist an die einzelnen zu besonderen Diensten, ein Begriff, der f\u00e4lschlich mit \u00ab\u00c4mter\u00bb \u00fcbersetzt wurde. Denn das Amt gibt es in einer staatlichen Organisation, ein Amt ist eine Institution. Die diakoniai aber, die \u00abDienste\u00bb gibt es so, wie es Organe mit verschiedenen Funktionen an einem Leibe gibt.\u00bb s. 57<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abDie Gemeinde Jesu lebt vom Heiligen Geist; das ist ihr geheimnisvolles Wesen.\u00bb s. 53<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie kam es dazu, dass diese organischen Dienste zu festen \u00c4mtern wurden? War da nur falsche \u00dcbersetzung schuld oder ist die Fehl\u00fcbersetzung Resultat eines anderen Prozesses?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wort Gottes ist in der Ekklesia vorhanden und wirksam als das Wort des Heiligen Geistes, darum in einer Einheit von Logos und Dynamis, die jenseits alles Verstehens liegt. Diese Einheit ist das sp\u00e4ter nicht mehr vorhandene und nicht mehr verstandene Geheimnis der Urgemeinde. \u2026 Das Wort Gottes wird gesichert &nbsp;&#8211; und zugleich ersetzt \u2013 durch Theologie und Dogma; die Gemeinschaft wird gesichert \u2013 und zugleich ersetzt \u2013 durch die Institution; der Glaube, der in der Liebe wirksam sich erweist, wird gesichert &nbsp;&#8211; und zugleich ersetzt \u2013 durch das Glaubens- und Moralgesetz.\u00bb s. 60<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abMan hatte jetzt Lehre \u2013 ohne die Dynamis des geisterf\u00fcllten Gotteswortes. Man hatte jetzt Glauben \u2013 \u00abrichtigen\u00bb, orthodoxen Glauben \u2013 ohne die Liebe. Man hatte jetzt Gemeinde als Kirche mit \u00c4mtern, aber nicht mehr die Verbundenheit in gegenseitigem Dienst.\u00bb s. 62<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das heisst, diese geisterf\u00fcllte Verbundenheit ging unterwegs verloren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abRichtig ist: in dem Mass, als die Gemeinde aufh\u00f6rt pneumatische Einheit, koinonia im fr\u00fcheren Sinn zu sein, in dem Masse muss sie die pneumatische Feinstruktur durch eine organisatiorisch-rechtliche Grobstruktur ersetzen.\u00bb s. 104<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abVorher war der Heilige Geist das, was die Gemeinde zur Gemeinde machte; sie war eine <em>pneumatische<\/em> Einheit, als solche eben \u00abder Leib\u00bb des Christus. Nunmehr aber war sie eine <em>sakramentale<\/em> Einheit geworden.\u00bb s. 87<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was meinen Sie mit einer sakramentalen Einheit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mahlfeier und die Taufe: \u00abDiese beiden Handlungen, die die sp\u00e4tere Kirche Sakramente genannt hat, haben im neuen Testament mit einer kirchlichen Amtsordnung nichts zu tun. Kein Wort ist dar\u00fcber gesagt, wer taufen oder wer nicht taufen d\u00fcrfe, kein Wort \u00fcber die Austeilung des Brotes und Weines beim Mahl. Und doch liegt hier, in diesen sogenannten Sakramenten, die Ansatzstelle f\u00fcr die sp\u00e4tere institutionelle Entwicklung, f\u00fcr die Kirchwerdung der Gemeinde Jesu Christi.\u00bb s. 75\/76<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Im Umgang mit den Sakramenten ist also die Entwicklung zu dem, was wir heute Kirche nennen zu suchen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abEs ist nicht mehr die Agape, die schenkende Liebe Gottes, die als eigentliche Gabe des Heiligen Geistes die einzelnen miteinander verbindet, sondern es ist dieses Wunderding, das Sakrament, das man miteinander gemeinsam hat; man <em>bekommt<\/em> jetzt den Leib Christi, statt dass man selbst der Leib Christi <em>ist<\/em>.\u00bb s. 87<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abDas Sakrament verlangte den Priester, das Bed\u00fcrfnis nach Ordnung und Einheit verlangte die gesetzliche, kirchenrechtliche Autorit\u00e4t. Die beiden Str\u00f6me flossen zusammen in der Schaffung des Priester-Bischofs, der apostolische Lehrautorit\u00e4t und Ordnungsautorit\u00e4t f\u00fcr die Gemeinde besitzt.\u00bb s. 94<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Daraus folgte konsequenterweise die milliardenschwere Institution der R\u00f6misch-katholischen Kirche mit dem Papst an der Spitze.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, und zudem: \u00abdie bisch\u00f6fliche Spendung des Sakraments macht die Gemeinde zu empfangenden Laien; die bisch\u00f6fliche apostolische Autorit\u00e4t macht sie zu Gehorchenden und Regierten. Nur durch diese doppelte Abh\u00e4ngigkeit von der Priesterbischofkirche kann der einzelne das Heil erlangen. Aus der im Wort und Geist begr\u00fcndeten \u00abmystischen\u00bb Bruderschaft, aus dem Leib Christi, dessen Haupt allein Christus ist, dessen Glieder darum gleichen Ranges sind \u2013 aus dem Volk von priesterlichen Br\u00fcdern&nbsp; ist eine Kirche geworden, die aus einzelnen Gemeinden besteht, die zusammen das Kirchenganze bilden und von denen jede von einem Bischof geistlich regiert wird, der als spendender Priester dem Laien gegen\u00fcbersteht, weil er das Heilsgut, das Sakrament verwaltet, das heilige Ding, das diese einzelnen Menschen zusammenh\u00e4lt und zu einem Kollektiv macht.\u00bb s. 95<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hast sich die Kirche somit nicht meilenweit von ihrer Aufgabe entfernt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abEin Mittel, das Gottes Vorsehung so lange und so gewaltig gebraucht hat, darf keiner aufl\u00f6senden Kritik zum Opfer fallen.\u00bb s. 135<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abEs kann sich also niemals darum handeln, aus der Unterscheidung von Ekklesia und Kirche ein negatives Urteil oder gar eine feindliche Haltung gegen die Kirchen abzuleiten.\u00bb s.135<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abDie Aufgabe der Kirchen kann also nicht die sein, Ekklesia zu werden \u2013 das kann sie nie und nimmer -, sondern nur die, dem Werden der Ekklesia zu dienen,\u2026 Dabei heisst Ekklesia das, was wir aus dem Neuen Testament als ihr eigentliches Wesen erkannten: Gottesgemeinschaft durch Jesus Christus und in ihr begr\u00fcndete Bruderschaft oder Menschengemeinschaft. Die Einheit von Christusgemeinschaft und Bruderschaft ist das Wesen der Ekklesia.\u00bb s. 123<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was schlagen Sie f\u00fcr einen Weg der Kirche in die Zukunft vor?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abNicht eine Einheitsorganisation der Kirchen ist das, was wir am meisten n\u00f6tig haben; im Gegenteil, eine solche kann letztlich nur das Grund\u00fcbel, eben das Missverst\u00e4ndnis der Kirche noch vergr\u00f6ssern, in dem sie, noch einmal, Kirche und Institution identifiziert. Was wir brauchen, ist der Heilige Geist, der dem Glauben an Jesus Christus verheissen ist und der, wo er kr\u00e4ftig wirksam ist, jene Freiheit in der Gebundenheit und jene Gebundenheit in der Freiheit schafft, jene Gemeinschaft, die ebenso fern ist von allem Kollektivismus, wie sie fern ist vom Individualismus.\u00bb s. 132\/133<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abDie Kirche hat w\u00e4hrend ihrer ganzen Geschichte dadurch, dass sie ihrem Wesen nach viel mehr ein Kollektiv als eine Gemeinschaft war, die Bildung wahrer Bruderschaft in Christus nicht nur vernachl\u00e4ssigt, sondern vielfach verhindert. \u2026 Mit oder ohne die Kirchen wird Gott die Ekklesia zum Brudervolk werden lassen. Ob die Kirchen sich dieser Erkenntnis \u00f6ffnen oder verschiessen, davon wird es abhangen, ob sie eine Zukunft haben.\u00bb s.136\/137<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein fiktives Interview mit Emil Brunner. 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